Frankfurter Wissenschaftler fordert Richtungswechsel in der Tabakpolitik

In einem Interview in der heutigen Ausgabe der Süddeutschen Zeitung bezieht der Frankfurter Suchtforscher Heino Stöver Stellung zu den Chancen der E-Zigarette für Tabakraucher. Im Vergleich mit England und Frankreich wirft Stöver den deutschen Institutionen Versagen vor und fordert ein Umdenken in der Tabakpolitik.

Anstatt das Thema E-Zigarette ausschließlich von den Risiken zu bewerten, plädiert Stöver für eine „gesundheitliche Gesamtrechnung“. In diese Rechnung würde das „Verständnis der Konsumenten“ und die Abwägung der Risiken eingehen. Beides, so Stöver, käme in der deutschen Sichtweise bisher zu kurz.

Die Gefahr, dass Jugendliche durch die E-Zigarette zum Rauchen verleitet werden könnten, sieht der Forscher nicht. Eine Befragung von 2.000 Jugendlichen hätte ergeben, dass überhaupt „nur ganz wenige Jugendliche“ täglich E-Zigaretten konsumieren.

Zitate:

1. „Es gibt ein Gutachten des Bundesinstituts für Risikobewertung (BfR) zu E-Zigaretten – mit dem Ergebnis, dass sie erheblich weniger schädlich sind als herkömmliche Zigaretten.“

2. „Es gibt Hunderttausende Menschen, die mit dem Rauchen aufhören wollen … Ich glaube, dass man das Abhängigkeitspotential in seiner Wucht grandios unterschätzt hat. Das führt dazu, dass man andere Aspekte der E-Zigarette stärker bewertet, etwa Restrisiken kanzerogener Art.“

3. „Die geringen Nutzerzahlen im Vergleich zu England und Frankreich lassen sich teilweise dadurch erklären, dass Raucher nicht angemessen aufgeklärt werden. Da haben alle Institutionen versagt.“

4. “ In England wird es 2020 mehr E-Zigaretten-Nutzer geben als Tabakzigarettenraucher. Das ist der Gradmesser einer fortschrittlichen Tabakpolitik.“

5. „Nur ganz wenige Jugendliche konsumieren täglich E-Produkte. Die Gateway-Hypothese bestätigt sich nicht, wir sehen also keine starke Gefahr, dass E-Zigaretten zu einem regelmäßigen Tabakkonsum führen.“