Daten & Fakten zur E-Zigarette

Inhaltsverzeichnis

6. Erster wissenschaftlicher Sammelband

6.1 „Die E-Zigarette – Geschichte – Gebrauch – Kontroversen“

Der Frankfurter Suchtforscher Heino Stöver veröffentlichte im Jahr 2016 zusammen mit verschiedenen Autoren die erste umfassende Analyse zum Konsumverhalten, zu den Konsumenten und zur Debatte über die E-Zigarette. Basierend auf den Erkenntnissen, fordern die Autoren ein Umdenken in der Gesundheitspolitik und die Anerkennung der E-Zigarette als gesundheitsfreundlichere Substituierung der konventionellen Zigarette.

6.2 E-Zigarettenkonsum in Deutschland

Sechs Prozent der deutschen Gesamtbevölkerung haben 2015 die E-Zigarette probiert bzw. konsumiert. 25 Prozent der volljährigen Bevölkerung ziehen dem „Dampfen“ die konventionelle Zigarette vor und sind als Raucher einzustufen. Dennoch hat fast jeder Raucher – ca. 95% – schon mal von der E-Zigarette gehört und immerhin ein Fünftel hat die Alternative zur Tabakzigarette auch getestet. Die Gründe für den Kauf einer E-Zigarette hängen oftmals mit dem ungesunden Image konventioneller Zigaretten zusammen: 35,4% aller Raucher, die sich eine E-Zigarette zugelegt haben, haben dies mit dem Ziel getan, weniger zu rauchen. 28% sehen es als weniger schädliche Alternative zur Tabakzigarette und 18% haben versucht über die E-Zigarette mit dem Rauchen aufzuhören.35

6.3 Debatte um E-Zigaretten

Jährlich sind in Deutschland zwischen 100.000 und 120.000 Tote zu beklagen, die in Folge von Zigarettenkonsum gestorben sind. Die E-Zigarette, so die Autoren, könnte sich als gute Möglichkeit für die Tabakentwöhnung erweisen. Trotzdem ist ein Großteil der Bevölkerung nicht ausreichend über „E-Dampf-Produkte“ informiert und schätzt den Konsum von E-Zigaretten ähnlich schädlich ein, wie den des konventionellen Tabakprodukts. Dieses Unwissen wird teils von „regierungsamtlichen Fehlurteilen“ untermauert. Renommierte Wissenschaftler – besonders aus England – sehen die E-Zigarette als Chance und Mittel, die herkömmliche Zigarette langfristig zu ersetzen und dadurch gesundheitliche Folgeschäden zu minimieren. Das Buch bezieht sich auf drei Szenarien, in denen die E-Zigarette als Hilfsmittel angesehen werden könnte: „(1) Als vorübergehendes Hilfsmittel zur Erreichung des Rauchstopps, (2) als dauerhafte Alternative zum Zigarettenkonsum und (3) schließlich zum kombinierten Gebrauch von herkömmlichen Zigaretten und E-Zigaretten zur dauerhaften Reduktion des Zigarettenkonsums“.36 Jedoch weisen die Autoren auch darauf hin, dass potenzielle Langzeitfolgen weiter untersucht werden müssten, da es der Forschung zum jetzigen Zeitpunkt an Langzeitstudien mangelt.37

6.4 E-Zigarettenkonsum bei Jugendlichen

Eine der größten Befürchtungen in Bezug auf die Verbreitung von E-Zigaretten ist der Anreiz für Jugendliche, aufgrund der Vielfalt von Aroma- und Duftstoffen, mit dem „Dampfen“ anzufangen. Dadurch könnten die Jugendlichen schlussendlich auch zum Tabakrauchen animiert werden (Gateway-Hypothese). Im vorliegenden Buch wurden die neusten Studien zu diesem Thema ausgewertet. Die Autoren kamen zu dem Schluss, dass die Bekanntheit der E-Zigarette unter Jugendlichen in verschiedenen Altersstufen in den letzten Jahren stark zugenommen hat. Ebenfalls sind die Lebenszeit- und 30-Tage- Prävalenzen angestiegen – also die Antwort auf die Frage, ob Jugendliche schon mal in ihrem Leben bzw. in den letzten 30 Tagen E-Zigarette konsumiert hätten. Die Studie „Wills et al. 2015“ deutet jedoch darauf hin, dass der regelmäßige Konsum von E-Zigaretten eher die Ausnahme darstellt. Der Kontakt mit E-Zigaretten würde sich oftmals auf einen einmaligen Konsum beschränken. Außerdem, so die Erkenntnis der Autoren, schätzen Jugendliche die E-Zigarette weniger gesundheitsschädlich als konventionelle Zigaretten ein. Dies würde zwar den bisherigen wissenschaftlichen Erkenntnissen entsprechen, jedoch sollte weiterhin die Aufklärung unter Jugendlichen gefördert werden, da die vorliegenden Studien eine gewisse Empfänglichkeit gegenüber der E-Zigarette implizieren.

Da es noch Defizite in Bezug auf Studien gibt, die sich mit den prädiktiven Faktoren des Konsums beschäftigen, kann bis zum jetzigen Zeitpunkt nur festgestellt werden, dass das Geschlecht (männlich) und Erfahrungen mit konventionellen Tabakprodukten die Wahrscheinlichkeit des Konsums von E-Zigaretten erhöht. Obwohl die Bekanntheit unter Jugendlichen hoch ist und es verschiedene Motive für den Konsum von E-Zigaretten gibt, liegt der Anteil der Jugendlichen zwischen 12 und 17 Jahren, die im letzten Monat E-Zigarette geraucht haben bei nur 0,8% (Stand 2016). 12,1 % geben an, schon einmal in ihrem Leben geraucht zu haben. Zusammenfassend kann man festhalten, dass Jugendliche zwar E-Zigaretten kennen und die vielen unterschiedlichen Geschmackssorten durchaus als Anreiz angesehen werden, diese auch zu konsumieren. Es gibt jedoch sehr wenige Jugendliche, die tatsächlich regelmäßig „dampfen“. Ein großer Anteil der regelmäßig-konsumierenden Jugendlichen hatte vorher zudem Erfahrung mit konventionellen Zigaretten. Die Studien enthalten also keinerlei Indizien, die eine „Gateway-Hypothese“ unterstützen.38

6.5 Verwendung von E-Zigaretten in der EU

Die Autoren beziehen sich bei der Analyse der Verwendung von E-Zigaretten in der EU auf eine Eurobarometer-Umfrage aus dem Jahr 2014. Die Umfrage zeigt, dass regelmäßige Nutzer der E-Zigarette hauptsächlich derzeitige Raucher oder ehemalige Raucher sind. Personen, die zuvor nie Tabakzigaretten konsumiert haben, erscheinen den Studien zu Folge „als sehr unwahrscheinliche potenzielle E-Zigaretten-Konsumenten“. Des Weiteren wurde festgestellt, dass ein „wesentlicher Anteil der derzeitigen E-Zigarettenanwender“ das Rauchen aufgehört hat oder den Tabakkonsum reduzieren konnte.39 Die Autoren kommen außerdem zu dem Schluss, dass die Nutzung von E-Zigaretten bei nicht-jugendlichen Konsumenten mit dem Ziel der „Verringerung der Tabak-Schadstoffaufnahme“ verwendet wird.40 Auch unter Erwachsenen kann eine „Gateway“-Hypothese nicht belegt werden, weil E-Zigaretten „keine neuen Anwender unter Nie-Rauchern anziehen und nicht als Einstieg zum Rauchen verleiten“.41

6.6 Gesundheitliche Risiken

Wie bereits zuvor erläutert, bestehen die Liquids in E-Zigaretten aus mehreren Elementen. Nikotin, Verneblungsmittel wie Propylenglycol oder Glycerin, Duft- und Aromastoffe sowie Diacetyl könnten nach Aussage der Autoren mögliche Ursachen gesundheitsschädlicher Wirkungen durch den Konsum von E-Zigaretten sein. Jedoch legt das Buch „Die E-Zigarette“ nahe, dass die gesundheitlichen Auswirkungen bei E-Zigaretten deutlich niedriger liegen, als bei konventionellen Zigaretten. Zudem wäre „eine fortschreitende Minimierung der gesundheitlichen Risiken durch Hersteller möglich“.42

6.7 Harm Reduction

„Harm Reduction ist eine Public-Health-Strategie, die versucht, Drogenkonsumierende (aber auch
die Gemeinschaft) vor den schädigenden Wirkungen und Folgen des Drogenkonsums zu bewahren,
ohne eine Abstinenz erzwingen zu wollen.“43

Harm Reduction kann folglich als Mittelweg zwischen einer strikten Regulierung und einer Bagatellisierung des Tabakkonsums verstanden werden. Die E-Zigarette kann somit als Werkzeug dieses Prinzips dienen. In dem Buch wird darauf hingewiesen, dass Gegner dieser Strategie sich oftmals auf die „Re-Normalisierung“ des Rauchens berufen.44 Obwohl die Ottawa-Charta (WHO1986) sich ausdrücklich auf die „Befähigung von Menschen“ bezieht, „mehr Kontrolle und Selbstbestimmung über ihre Gesundheit zu erlangen“, lassen – den Autoren zufolge – viele Gesundheitsexperten die Chance ungenutzt liegen und fokussieren sich auf stärkere Regulierungen. Gerade weil aber eine rauchfreie Gesellschaft mittelfristig und wahrscheinlich auch langfristig kaum realistisch ist, fordern die Autoren ein Umdenken: „Gefordert sind weiterhin die Entwicklung von glaubwürdigen Harm-Reduction Botschaften, eine Transparenz über Produktentwicklung, ein Stand der Forschung, die allgemein verständlich und verbraucherInnenorientiert ist, eine Partizipation von VerbraucherInnen und VertreterInnen der Dampfkulturen, sowie schließlich eine Begleitung, weitere Erforschung des Konsumverhaltens und eine lebensweltnahe Beratung von DampferInnen und RaucherInnen.“45

6.8 Zusammenfassung

Die Autoren um den Herausgeber Heino Stöver analysieren in diesem wissenschaftlichen Sammelband die E-Zigarette auf Konsumverhalten, Konsumenten und gesundheitliche Risiken. Sie stellen fest, dass aktuelle Studien keine Hinweise auf die oft erwähnte „Gateway-Hypothese“ liefern. Die E-Zigarette wird hauptsächlich von ehemaligen erwachsenen Rauchern und kaum von Jugendlichen verwendet. Zudem liegen die gesundheitlichen Risiken deutlich unter denen der Tabakzigarette. Jedoch sollten weitere detaillierte Langzeitstudien durchgeführt werden, damit ein potenzielles Restrisiko ausgeschlossen werden kann.

Schlussfolgerung: Mit den bisher vorliegenden Erkenntnissen kann die E-Zigarette als wichtiges Element der Harm-Reduction-Strategie genutzt werden. Um dies erfolgreich zu realisieren, müsste die Öffentlichkeit weiter aufgeklärt werden und ein Umdenken weg von Überregulierungen hin zu alternativen Wegen, wie beispielsweise der Förderung der E-Zigarette, stattfinden.

 

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